16. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft

Jenseits der Formenlehre. Indogermanische Morphologie mit Grauzonen- und Schnittstellenphänomenen

 

1 Themenstellung

Die XVI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft wird vom 7. bis 10. September 2020 an der Universität Zürich unter dem Titel „Jenseits der Formenlehre. Indogermanische Morphologie mit Grauzonen- und Schnittstellenphänomenen“ stattfinden. Die Untersuchung zur Morphologie der indogermanischen Sprachen und ihre Rekonstruktion für das Urindogermanische gehören zu den Kernaufgaben indogermanistischer Forschung. Gerade auch auf dem Gebiet der Rekonstruktion von Flexionsparadigmen und derivationellen Strukturen hat die historisch-vergleichende Methode ihre Stärken voll ausspielen können: Das Formeninventar der altindogermanischen Einzelsprachen darf im Vergleich als mustergültig erforscht gelten, und das Urindogermanische kann in morphologischer Hinsicht genauer rekonstruiert werden als alle anderen Ursprachen . Die Ausrichtung auf die Beschreibung und Rekonstruktion von Einzelelementen in Derivation und Flexion sowie daran anschließend der systemischen Merkmale hat jedoch auch zur Vernachlässigung verschiedener Bereiche und Prozesse innerhalb der Morphologie geführt und diese bisweilen als autarkes und hermetisch geschlossenes Subsystem der Sprache erscheinen lassen. Kann aber Morphologie (mit Booij 2012) als die „Grammatik von Wörtern“ gelten, so ist evident, dass dieser Teilbereich einer Kontextualisierung innerhalb der Gesamtgrammatik bedarf, umso mehr als rezente Arbeiten den Wortbegriff teilweise gänzlich verwerfen (vgl. die Schlussfolgerungen bei Haspelmath 2018), oder – wie etwa im theoretischen Rahmen der Distributed Morphology – Morphologie als Teil der Syntax beschreiben (vgl. Embick und Noyer 2007). Auch innerhalb der indogermanistischen Forschung wird unabhängig die systematische Untersuchung von Univerbierungsprozessen in Einzelsprachen verstärkt vorangetrieben (vgl. Opfermann 2016 für das Lateinische), und morphosyntaktische Faktoren werden in umfassenden Rekonstruktionsmodellen vermehrt berücksichtigt (bei Willi 2018).

Hier setzt die Tagung über multiple Zugänge an, indem sie Beiträgen zu den Themenkomplexen von morphologischen Grauzonen und Schnittstellen aus indogermanistischer Perspektive ein Forum bieten will. Neben grundsätzlichen Überlegungen zu der Problematik des Konzeptes „Wort“ als grammatischer Einheit und dem Abgleich mit phonologischen Einheiten (vgl.Bergmann 2018 für Forschungsstand und eine Untersuchung anhand des Deutschen), sind vor allem Beiträge zu Grauzonenphänomenen und klassifikatorischen Problemfällen erwünscht, sei es innerhalb der Morphologie, sei es an deren Rändern. Für den ersteren Fall lassen sich außer Segmentierungsfragen insbesondere Untersuchungen zum Verhältnis von Derivation und Flexion als potentielle Themen nennen, für den zweiten können Klitika im Sinne von „Phrasenmorphologie“ (vgl. Anderson 2005) und darüber hinaus als exemplarischer Untersuchungsgegenstand gelten. Hier bietet sich die Möglichkeit, an bahnbrechende indogermanistische Arbeiten wie Jacobsohn 1920 und Wackernagel 1892 anzuknüpfen. Zu typologisch orientierten deskriptiven Ansätzen kann hier bei einer modularen Konzeption von Schnittstellen auch die indogermanistische Implementierung theoretischer Morphologiemodelle, die auf diesem Gebiet explanatorische Kraft beanspruchen können, treten. Darüber hinaus sind ausdrücklich auch methodologische Reflexionen zu traditionellen Konzepten mit Anknüpfungspotential an das Tagungsthema (etwa Ablautmodelle und Auslautgesetze) oder deren modelltheoretische Fundierung erbeten.

2 Praktisches

Sowohl für die thematischen Sektionen als auch für die allgemeine Sektion können bis zum 1. Dezember 2019 aussagekräftige Abstracts mit Vortragsvorschlägen eingereicht werden. Die Einsendungen sind unter Angabe von Sektion und Vortragstitel in der Betreffzeile zu richten an: fachtagung2020@ivs.uzh.ch

Die Arbeitssprachen für die gesamte Tagung sind Deutsch, Englisch und Französisch.

 

Literatur

Anderson, Stephen R. (2005). Aspects of the Theory of Clitics. Oxford: Oxford University Press.

Bergmann, Pia (2018). Morphologisch komplexe Wörter. Prosodische Struktur und phonetische Realisierung. Berlin: Language Science Press.

Booij, Geert (2012). The Grammar of Words. 3. Aufl. Oxford: Oxford University Press.

Embick, David und Rolf Noyer (2007). „Distributed Morphology and the Syntax–Morphology Interface“. In: The Oxford Handbook of Linguistic Interfaces. Hrsg. von Gillian Ramchand und Charles Reiss. Oxford: Oxford University Press, S. 289–322.

Haspelmath, Martin (2018). „The last word on polysynthesis: A review article“. In: Linguistic Typology 22.2, S. 307–326.

Jacobsohn, Hermann (1920). „Zwei Probleme der gotischen Lautgeschichte. II. Zum gotischen Satzsandhi“. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 49, S. 129–218.

Opfermann, Andreas (2016). Univerbierung. Der passive Wortbildungsmechanismus. Hamburg: Baar.

Wackernagel, Jacob (1892). „Über ein Gesetz der indogermanischen Wortstellung“. In: Indogermanische Forschungen 1, S. 333–436.

Willi, Andreas (2018). Origins of the Greek Verb. Cambridge: Cambridge University Press.